2 neue Wörter und eine ganz besondere Ausstellung

Geschäftsgang

Im Vorgespräch für Workshops in der Bezirkszentralbibliothek Tempelhof-Schöneberg fragte ich, ob ich ein paar Bücher für die Kinder bereitlegen könnte. „Ja“, sagte meine Ansprechpartnerin, „die stelle ich dann auf Geschäftsgang.“
Geschäftsgang! So ein schönes Wort. Das muss der kleine Bruder der Dienstreise sein.
Die Bücher machen Pause. In meinem Fall in einem Korb mit dem anderen Material (Stifte, Klemmbretter, Papier …). In den Workshops habe ich mit Kindern eine Rätselrallye für die Gegend rund um die Bibliothek entwickelt.
Im Vorfeld hatte ich im Umfeld der Bibliothek umgeschaut … und dann sind wir zusammen losgezogen. Die Rallye wird komplett analog sein – mit Rätselkarten, auf denen Texte und Bilder sind. Komplett ohne Internet spielbar.
Im Anschluss habe ich mich an die Umsetzung gesetzt und auch geschaut, was ich an Hintergrundinfos zu den Rätseln und Orten für die besonders Interessierten noch hinzufügen kann. Das ist einer der Punkte, die ich an neuen Projekten besonders liebe: Wenn ich Neues lerne, recherchieren und aufschreiben kann.

Anfang 2024 wird es die Rallye dann zum Ausleihen in der Bibliothek geben.  In einer Spieleschachtel. In kleiner Auflage produziert.
Mit Fuxi, dem Maskottchen der Bibliothek als Hauptperson.

Das hier ist übrigens Fuxi. Gestaltet hat ihn Dikra Kadhim.


Entsammeln

Ein Archivar sagte es, zuständig für eine riesige Sammlung, die die meiste Zeit komplett in einem Archiv ist, also nicht zugänglich.
Und als ich begeistert auf das Wort reagierte fügte er hinzu: „Das ist halt freundlicher als Wegschmeißen.“
Gleich fiel mir auf, dass ich meine Wohnung auch einmal wieder auf zu entsammelnde Dinge hin überprüfen sollte.
Oder zuerst den Keller?
Im Handumdrehen fühlte ich mich wie die Maus in der Geschichte von Ursula Wölfel (Lach und Sachgeschichten, Erstausgabe 1969 mit von mir heißgeliebten Illustrationen ihrer Tochter Bettina Wölfel):
Die Geschichte von der Maus im Laden.
Eine Maus wird in einen Laden eingesperrt. Und weil sie sich nicht entscheiden kann … hat sie NICHTS gefressen, als die Tür wieder aufgeht und sie vertrieben wird. Was modern: „Ins Tun kommen“ genannt wird, hat Frau Wölfel schon in den 1969er sehr vortrefflich beschrieben.
Der Archivar sagte noch andere erstaunliche Dinge, die ich durch den Museumsbesuch neu gelernt habe:
Berlin hat mit rund 70.000 Objekten eine der größten Spielzeugsammlungen Deutschlands. Anders als z.B. im Nürnberger Spielzeugmuseum (mit dem Haus des Spiels und dem Deutschen Spielearchiv Nürnberg) oder im Spielmuseum Soltau ist allerdings kaum etwas davon real davon zu sehen.
Im Netz gibt es einen Einblick, z.B. auch in die umfangreiche Brettspielsammlung.   
Die Berliner Spielzeugsammlung ist im Zentraldepot der Stiftung Stadtmuseum Berlin untergebracht und nicht öffentlich zugänglich.
Außer … es gibt Teile davon in einer Ausstellung zu sehen.
So wie aktuell bzw. noch bis zum 11.2..2024.


Austellungstipp: Delirous Toys

Für Delirious Toys hat der Künstler Mark Dion sich in der Sammlung umgeschaut und thematische Szenarien in der Nicolaikirche – und damit in einer wirklich ungewöhnlichen Umgebung –  zusammengestellt.
Es gibt natürlich Brettspiele zu sehen, aber auch Autos, Puppen und einen roten Giftschrank, den die Aufsicht nur auf Wunsch aufmacht und dann zum Gespräch bereit ist. Darin ist nicht nur altes Spielzeug.
Wer sich in den aktuellen Sortimenten der Hersteller umschaut, entdeckt eine ganze Menge Spielzeuge, die aus unterschiedlichen Gründen fragwürdig sind.
Ich erinnere mich noch gut an die Spielwarenmesse, als ich zum ersten Mal eine Führung über den Messestand eines der großen US Spielwarenherstellers mitgemacht hatte. Nicht, dass ich die Sachen nicht aus dem Handel und der Werbung kannte. Aber das Programm mit den passendenden Verkaufsargumenten gezeigt zu bekommen, war dann doch sehr speziell. Speziell dann auch, dass die anderen Personen – allesamt aus dem Handel – interessierte Nachfragen stellten. Ja, das hätte mir klar sein müssen – wer sich bei diesem Hersteller das Programm anschaut, tut das aus positivem Interesse, sei es nun aus Überzeugung oder weil er/sie die eigene Kundschaft und deren Konsumwünsche im Blick hat.

Die Ausstellung findet noch bis zum 11.2.2024 statt.
Auch das Begleitprogramm ist spannend.
Die Spielwarenmesse ist eine Fachhmesse und findet Anfang Februar in Nürnberg statt.


Sidefacts

Der deutsche Museumsbund hat sogar eine Broschüre über das nachhaltige Entsammeln herausgegeben.

Dieses Museum hat nicht nur ein sehr schönes Thema  sondern ein unendlich großes Potential zur Sammlungserweiterung:
the museum of failure.


6 Spiele in Streichholzschachtelgröße für Moses

Manche Kreative haben gerne die totale Freiheit.
Ich mag Grenzen, an denen ich mich abarbeiten kann.
Gemeinsam mit Christoph Cantzler habe ich mich an besonderen Grenzen abgearbeitet:
POCKET GAMES … das ist eine Spielereihe, die jetzt bei MOSES erschienen ist.
Die Verpackung ist etwas größer als eine Streichholzschachtel.  

Diese Grenzen waren es u.a.:

  • Eine sehr kleine Packung
  • Ein kleiner Preis (ca. 3,95 €)
  • Verschiedene Spieletypen
  • ab ca. 6 Jahren spielbar
  • idealerweise mit 2-4 Personen spielbar (kein Muss)
  • Spielmaterial: Holz und Karten, Würfel

Daraus folgt:

  • Wenig Material.
  • Sehr sehr sehr kurze Spielregeln. Zum Glück nur einsprachig!

Dieses sechs Spiele haben das Rennen gemacht.

  • Einige Titel verraten schon etwas über die Spiele selbst.
  • Bei vier Spielen haben wir die Packung mit ins Spiel einbezogen.
  • Bei den Karten den Karten durften wir eine erstaunlich hohe Anzahl verwenden.


Brautkraut

Das Zungenbrecherspiel ist eine Wiederveröffentlichung. Es war in einer umfangreicheren Version vor einigen Jahren beim ZOCH Verlag.
Es ist ein Glück, dass das Spiel es wieder da ist, denn auch in der vereinfachten Fassung sorgt es für fröhlichen zungenbrecherischen Spielspass.
Denn Brautkraut bleibt Blaukleid und Kleidkraut bleibt Kraukleid oder wie war das doch gleich?


Dominew

… da verrät der Titel schon, um was es geht.
Die Spielregel allerdings ist tricky … denn die Karten sind knapp und es gilt gut hauszuhalten.


Packesel

Auch hier gibt der Titel den entscheidenden Hinweis: Es geht ums Stapeln. 
Doch die Hülse steht nicht einfach auf dem Tisch:
Die Spielenden stecken sie sich auf 2 Finger, stapeln Holzteilchen … und geben die Hülse weiter.
Dabei darf natürlich nichts herunterfallen!


Und Tschüss!

Hier wird die zweiteilige Schachtel zum Spielfeld … welches sich Runde für Runde verkürzt.
Und nur, wer rechtzeitig aufhört und so auf einem Punktefeld stehen bleiben kann, sammelt wertvolle Punkte und gewinnt.


Weg damit!

Der Einleger teilt die Schublade in 6 Fächer.
Dort verschwinden die Klötzchen der Spielenden … und nur wer sich merkt, wie viele Klötzchen wo liegen, kann die eigenen Klötzchen loswerden und gewinnen.


Würfelmikado

Was passiert beim Mikado immer? Genau. Es gibt Streit.
Nicht so in unserer kleinen Variante. Denn die Stäbchen dürfen verrutschen … aber nicht den Boden der Schachtel berühren oder in die Ecken der Schachtel rutschen. 


Sidefact 1

Die Vorgaben zwangen uns also, die Spiele einfach zu halten.
Darum sind die Spiele auch eines der drei Beispiele für Einfachheit/SIMPLICITY (bzw. den Blick auf Spiele, die aufgrund verschiedener Vorgaben einfach gehalten werden müssen) über die ich im Oktober 2023 meinen Talk bei CREATIVE MORNINGS BERLIN berichtet habe.
Die anderen beiden Beispiele waren übrigens:

  • Spiele für junge Kinder. Gänsemarsch war das Beispiel, an dem ich gezeigt habe, welche Merkmale Spiele für Spieleinsteiger:innen aufweisen sollten … und also mitgedacht werden müssen.
  • Spiele, die in einer kleinen Auflage gedruckt werden. Mein Beispiel war Karla Kuchenfee, bei dem die erste, deutschsprachige Auflage 1000 Stück umfasste und wir dementsprechend schauen mussten, auf welche Standards wir zurückgreifen können, um die Kosten gering zu halten. Ich habe die Gelegenheit auch genutzt, um über das Plagiat zu sprechen, das es von Karla leider gibt.

Vielen Dank an Marlon Schipper, dass ich dieses Fotos nutzen darf, die sie dort gemacht hat!


Sidefact 2

Die Spiele sind seit Herbst 2023 im Handel erhältlich, die ersten Muster brachten Magdalena und Tobias vom Moses Verlag uns schon im Juni nach Göttingen zum Spieleautor*innentreffen der SAZ mit.
Ich glaube, es ist gut zu sehen, wie sehr wir uns gefreut haben!


Die Eckdaten

6 POCKET GAMES

Brautkraut
Dominew
Packesel
Und Tschüß
Würfelmikado
Weg damit!

Verlag: moses
6 Spiele von Anja Wrede & Christoph Cantzler
Redaktion: Magdalena Smaha
Gestaltung und Illustration: Andrea Köhrsen


Das ist uns noch nie passiert:
Ein analoges Spiel bekommt ein Upgrade

Town66 von Christoph Cantzler und mir ist 2022 bei OINK erschienen.
OINK ist ein japanischer Spieleverlag, der sehr sehr schön gestaltete Spiele in erstaunlich kleinen Verpackungen herausgibt.
Eines meiner absoluten Lieblingsspiele ist von OINK: A fake Artist goes to New York.
Ich habe das Spiel in der unglaublich pink-gelben Packung  vor ein paar Jahren in Frankreich auf Bruno Faiduttis Spieletreffen kennengelernt.


Ich erzählte Christoph von dem Verlag und den Spielen.
Und wir waren uns einig: Dort möchten wir veröffentlichen!
Unser erstes Spiel dort kam quasi im Handumdrehen:

.               

ZOGEN ist unser Spiel mit der kürzesten Umsetzungszeit.
Im Februar 2018 haben wir das Spiel während der Spielwarenmesse bei OINK gezeigt, im Frühjahr 2018 ist es in Japan … und im Herbst 2018 in Europa erschienen.
Das chaotische Spiel hat den besten Rückseitentext aller Zeiten, finde ich. Der Text bildet das Spielgefühl haargenau ab.



Town66

Town66 ist 2022 erschienen, für 2-4 Personen.
Es enthält 36 Plättchen, 4 Plättchenhalter und einen Stoffbeutel.
Als wir die ersten Fotos sahen, fragten wir, welche Schachtelgröße OINK denn plane.
Die normale, antwortete unser Ansprechpartner.
Wir rieben uns die Augen und waren von der Verpackungskunst begeistert, als wir das Spiel in den Händen hielten.



Town77

Im Frühjahr 2023 überraschte uns die Nachricht, dass OINK Plättchen hinzufügen wollte … damit das Spiel für 2-5 Personen spielbar ist. Nun sind 49 Plättchen im Spiel.
Diese Anzahl Plättchen enthielt unser Prototyp übrigens auch.
So etwas ist uns jedenfalls noch nie passiert, aber wir freuen uns erneut, dass der Verlag wieder einmal ungewöhnlich denkt. Nun ist Town77 da.
Die Packung ist neu … allerdings nicht in der Größe, nur in der Gestaltung.
Da noch ein winziges wenig Platz vorhanden war, haben die Verpackungskünstler es erneut geschafft, uns zu verblüffen!

Auf der SPIEL 23 in Essen wurde es verkauft ... und war dort im Handumdrehen: SOLD OUT!


Sidefact

OINK gibt zu manchen Spielen ein Heft mit Hintergründen zur Entwicklung des jeweiligen Spiels heraus: DESIGNER NOTES.
Auch zu TOWN66. Ein tolles Zusatzprojekt!
Darin enthalten u.a. ein Interview mit Jun Sasaki, der TOWN66 gestaltet hat, und eines mit Christoph und mir.
Auch Abbildungen zweier Prototypen gibt es (Wir haben verschiedenes ausprobiert und so mit einem abstrakten, aber auch mit einem thematischen Spiel geliebäugelt.)
Leider erscheinen die Hefte nur auf Japanisch, wie dieser Screenshot zeigt:


Die Eckdaten

Town77 (upgrade von Town66)
Verlag: OINK
Ein Spiel von Christoph Cantzler und Anja Wrede
Illustration: Jun Sasaki


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